Armenien-Resolution

Warum haben Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Walter Steinmeier kein Mitgefühl mit Armeniern und anderen christlichen Minderheiten?

Im Auftrag des damaligen jungtürkischen Regimes begann am 24. April 1915 im osmanischen Konstantinopel die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern!

Deutsche Diplomaten und Offiziere wurden Zeugen von Massakern und Deportationszügen und berichteten darüber an ihre vorgesetzten Dienststellen. Als der deutsche Botschafter in Konstantinopel Ende 1915 von Berlin eine diplomatische Demarche forderte, notierte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“

Der Bundestag verabschiedete gestern die Resolution, die „Massaker und Vertreibungen“ im osmanischen Reich, mit nur einer Gegenstimme als Völkermord anerkannte.

Die Hälfte der Regierungsbank, darunter Angela Merkel, Frank Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel blieben der Abstimmung fern. Kanzleramtchef Peter Altmaier verliess demonstrativ den Plenarsaal.

Als Europäerin schäme ich mich dafür, dass sich so namhafte Politiker vor der historischen Verantwortung für die deutsche Komplizenschaft bei diesem Urverbrechen des 20. Jahrhunderts gedrückt haben – aus falscher Rücksicht auf den Diktator und Terrorpaten Erdogan.

Hiermit erkläre ich meine ausdrückliche Solidarität mit den Armeniern, Aramäern und allen anderen verfolgten christlichen Brüdern und Schwestern.

 

 

OFFENER BRIEF

An Frau Bettina Kudla, MdB

Via e-mail

 

  1. Juni 2016

Betr:  Die heutige Abstimmung zur Völkermord-Resolution des Bundestages

 

Sehr geehrte Frau Kudla,

als ich heute morgen live in der TV-Übertragung die Abstimmung zur Völkermord-Resolution des deutschen Bundestages verfolgte, war ich mehr als enttäuscht, dass ein Abgeordneter gegen diesen meines Erachtens eher zu harmlosen Text stimmte. Ich dachte, es müsse sich wohl um einen Abgeordneten mit türkischen Migrationshintergrund handeln und versuchte, sein völlig unverständliches Verhalten dadurch zu entschuldigen, dass er vielleicht von seinen Landsleuten bedroht wurde, er möglicherweise noch Familie im Land des Terrorpaten Erdogan hatte. Dafür hätte ich vollstes Verständnis gehabt.

Umso mehr überraschte es mich, als ich las, dass Sie diese eine Gegenstimme abgegeben haben. Ich bin erschüttert und ich schäme mich – als Deutscher, als langjähriger CDU-Wähler und als Katholik, da ich ebenfalls erfuhr, dass Sie zudem noch Mitglied des ZdK sind. Mich vertreten Sie nicht, mich werden Sie nicht vertreten. Denn Sie haben heute morgen zum Ausdruck gebracht, was Sie von Solidarität mit verfolgten Christen halten. Sie haben sich vor den Mördern von 2,5 Millionen Christen gebeugt und demonstriert, dass Sie auf der Seite der Täter und nicht der Opfer stehen. Und Sie haben auch gegen Papst Franziskus gestimmt, der vor einem Jahr den Mut hatte, den „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“ als solchen zu benennen und in drei Wochen an ihrer Gedenkstätte in Jerevan beten wird. Schamgefühl muss für Sie wohl ein Fremdwort sein.

Ihre Begründung für Ihr befremdliches Verhalten ist so hanebüchen, als sei sie in Ankara aufgesetzt worden. Sie bezeugt allenfalls Ihre geradezu blamable Unkenntnis des Sachverhalts. Hätten Sie sich ein wenig mit der Materie befasst, dann wüssten Sie, dass der Völkermord an den Armeniern von namhaften Historikern aus der ganzen Welt längst mit aller Gründlichkeit aufgearbeitet wurde. Ich selbst habe rund 3000 Seiten bislang unveröffentlichter Dokumente dazu in den Archiven des Vatikans ausgewertet. Auf Initiative von Papst Franziskus wurde ein Großteil dieser Dokumente auch in einer wissenschaftlichen Edition herausgegeben. Auch die Dokumente im Archiv des Auswärtigen Amtes wurden längst, nämlich 2005, publiziert. Die wissenschaftliche Edition, herausgegeben von Wolfgang Gust, können Sie über den Buchhandel bestellen. Gewiss ist es nicht Aufgabe des Bundestages, über historische Forschungen zu urteilen. Aber es ist seine heilige Pflicht, die Verantwortung für das Mitwissen und die Vertuschung dieses Menschheitsverbrechens durch Deutsche zu übernehmen – und das Versäumnis der damaligen Regierung, sie zu verhindern oder zumindest vor der zivilisierten Welt anzuprangern!

Da Sie sich als Katholikin bezeichnen, möchte ich zitieren, was der Kölner Erzbischof Felix Kardinal von Hartmann 1918, als eine zweite Welle der genozidalen Vernichtung drohte, an den damaligen Reichskanzler Graf von Hertling schrieb: „Schon bei der Verfolgung der Armenier im Jahre 1915, die an Grausamkeit den Christenverfolgungen der ersten christlichen Jahrhunderte nicht nachsteht, wurde vielfach die Meinung laut, dass die Deutsche Regierung und besonders die deutschen Katholiken für diese Greuel vor Gott und der Geschichte mit verantwortlich gemacht werden würden, wenn sie nicht alles aufböten, um nach Kräften diese Ausschreitungen zu verhindern.“

(Schreiben vom 1. April 1918, abgedruckt in meinem Buch „Völkermord an den Armeniern“, S. 40 f.)

Worin diese Verantwortung liegt, sei „im Antrag nicht erkennbar“ schreiben Sie, obwohl es deutlich in dessen Begründung steht. Das Deutsche Reich hat die Türkei buchstäblich in den Ersten Weltkrieg gedrängt, um eine zweite Front im Orient zu eröffnen. Aus Berlin kam die von Max von Oppenheim ausgeheckte Idee, den Krieg zum Dschihad zu erklären, um alle Muslime für die Deutsch-türkische Sache zu gewinnen; er lieferte den Völkermördern aber auch die religiöse Legitimation, gegen die „Ungläubigen“ im eigenen Land vorzugehen. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg zog den deutschen Botschafter Graf Metternich aus Konstantinopel ab, als dieser zu laut gegen den Völkermord protestierte. Seine Erklärung, „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht“, ist in ihrem Zynismus nicht mehr zu übertreffen. Dabei hätten die Deutschen sehr wohl die Massaker stoppen können, wie sich 1917 zeigte, als sie auf Drängen des Vatikans zugunsten der jüdischen Palästinasiedler intervenierten.

Wenn Ihnen „konkrete historische Fakten“ wie diese „nicht bekannt“ sind, so sind Sie zu bedauern. Sie sind auch Ihnen jederzeit über Internet zugänglich. Oder sollte auch das für Sie, trotz professionell gestalteter Webpräsenz, noch „Neuland“ sein? Stattdessen vergleichen Sie Äpfel mit Birnen, nämlich die Impotenz der heutigen Bundesregierung, Massaker zu verhindern, mit der Situation im 1. Weltkrieg. Damals war Deutschland der wichtigste Verbündete des Osmanischen Reiches, dessen Armee von drei deutschen Generälen beraten wurde, dessen Soldaten Seite an Seite mit den deutschen Truppen kämpften. Eine solche Waffenbrüderschaft unterhält die Bundesregierung Gott sei Dank eben nicht mit dem Islamischen Staat, also ist es sehr viel schwieriger, solche Massaker heute zu verhindern.

Den wahren Grund für Ihre gespielte Ignoranz lassen Sie in Ihrer Begründung allerdings auch durchscheinen. Sie fürchten also „politische als auch finanzielle Folgen, die sich aus diesem Antrag ergeben“, als ob Deutschland auch nur im Geringsten von der Türkei politisch oder finanziell abhängig wäre. Wiedergutmachungsforderungen wird es von Armenien an die Türkei geben, und das völlig zurecht. Dagegen ist nicht ersichtlich und gewiss ohne Präzedenzfall, für Mitwisserschaft finanziell zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Briten wussten auch von Auschwitz, doch nie hat Israel sie dafür belangt, dass Churchill eine Bombardierung der Bahnlinien für die Todeszüge als „nicht kriegsnotwendig“ erachtete.

Wenn die Beziehungen zur Türkei dadurch belastet werden, dann soll dem so sein. Es war ohnehin ein Irrweg von Frau Merkel, eine Lösung der Flüchtlingskrise bei ihrem Mitverursacher, dem Diktator Erdogan, zu suchen. Schließlich unterstützt Erdogan seit Jahren eben jene Terroristen, die den Bürgerkrieg in Syrien anheizen und verantwortlich für die von Ihnen zitierten Massaker sind. Unsere katholischen und mit Rom unierten Bischöfe und Patriarchen aus Syrien geben Ihnen darüber gerne Auskunft. Erdogan hoffte, sich mit dem Flüchtlingsdeal die Visafreiheit zu erkaufen, ohne eine Gegenleistung dafür zu erbringen. Zudem schickte er uns nur die schwer integrierbaren Flüchtlinge, während Akademikern und Ingenieuren die Ausreise verweigert wurde. Einem totgeborenen Kind soll man nicht nachweinen, wenn es bestattet wird. Wird Erdogan nicht in seine Schranken verwiesen, müssen wir ohnehin demnächst mit einigen Millionen flüchtigen oder zwangsvertriebenen Kurden rechnen, denn die Homogenisierungspolitik der Jungtürken, die hinter dem Völkermord von 1915/16 stand, fand nicht nur mit dem Völkermord an den Pontusgriechen, Jesiden und Aleviten unter Atatürk, sondern auch in der heutigen Kurdenpolitik ihre Fortsetzung. Die Geschichte hat gezeigt, dass man einen Diktator wie Erdogan nicht durch Appeasement und Kuschelkurs in die Schranken weist, sondern nur durch eine Politik der klaren Standpunkte und Werte. Der Bundestags-Resolution jetzt noch die Schuld an dem ohnehin schon gescheiterten Flüchtlings-Deal mit Erdogan zu unterstellen ist, mit Verlaub gesagt, geradezu perfide.

Die Geschichte wird nicht vergessen, dass Sie es waren, Frau Kudla, die als Einzige gegen diese historische Resolution gestimmt hat. In der Türkei werden sie dafür gewiss gefeiert. Deutsche und christliche Grundwerte aber haben Sie damit auf äußerst bedauerliche Weise verraten. Als Bürger der Bundesrepublik und CDU-Wähler, als katholischer Christ und als Historiker muss ich mich ausdrücklich von Ihrer Entscheidung distanzieren. Im Bundestag sollten Repräsentanten des deutschen Volkes sitzen, nicht Interessenvertreter anatolischer Diktatoren.

 

Hochachtungsvoll

Michael Hesemann

Historiker und Autor („Völkermord an den Armeniern“)